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Probleme beim Notenlesen

Immer wieder erlebe ich Schüler*innen, die Noten nicht so lesen können, wie Musiklehrende sich das als „normal“ vorstellen. Sie können auch nach Jahren kaum etwas vom Blatt spielen – und haben beim Erarbeiten eines Stücks charakteristische Probleme. Oft staunen wir, dass sie eine Note erst sehr lange anschauen, bevor sie Ihren Namen nennen. Die Lage in den Zwischenräumen wird verwechselt, ebenso wie „gleich aussehende“ Töne, etwa im Violinschlüssel tiefes E / hohes F, tiefes C / hohes A.
Wiederkehrende Muster werden nicht als solche erkannt. Dies betrifft melodische wie rhythmische Folgen.
Sätze wie die folgenden versetzen sie allenfalls in Panik:
Siehst du denn nicht, dass diese Tonreihe nach oben geht?“
„Siehst du nicht, dass das ein t i e f e s E ist?“
„Siehst du nicht, dass diese kleine Reihe sich dauernd wiederholt“
„Siehst du nicht, dass das genau die Nachbarnote ist?“

Erfassen der individuellen Lernstrategie

Da sie die Musik lieben wie andere auch, müssen wir im Unterricht versuchen zu verstehen,
wo die Probleme liegen – und mit welcher Strategie man sie erfolgreich angeht.
Möglicherweise gibt es eine Art Notenlese – Legasthenie, die gleichzeitig mit – oder unabhängig von sonstigen Leseproblemen auftritt ?
Toller Einstieg: Der ausführliche Vortrag von Annika Sabrowski auf Youtube.
Über eigene Versuche in den nächsten Monaten werde ich berichten.

Adriana Breukink, 1957 – 2022

Blockflötenbauerin Adriana Breukink
Adriana Breukink – in Stockstadt – mit einigen tiefen Flöten aus ihrer Werkstatt

Als wir Adriana 2020 im Webinar über die Entwicklung ihrer Eagle Flöte erlebten, (Bericht hier auf der Seite) ahnte niemand, dass sie so bald danach – am 6. Oktober 2022 – plötzlich mitten aus ihrer Arbeit heraus sterben würde.
Eine Flötenbauerin, die mit großer Leidenschaft an der Verwirklichung ihrer Visionen gearbeitet hat. Dabei galt ihr Interesse nicht den gewissenhaft originalgetreuen Kopien der alten Meisterflöten – sondern der freien Kreation innerlich und äußerlich anderer Blockflöten.

Sie liebte und baute (und spielte im Ensemble!) ausgefallene Flöten – wie die besonders großen Bässe in konventioneller Bauweise, (also runder Querschnitt), einschließlich der berühmten größten Bassblockflöte der Welt.

Schon ungewöhnlich: Adris Traumflöten

Viele Kinder freuen sich über ihre märchenhaften „Adris Traumflöten“ (gebaut mit Fa. Mollenhauer), die als hochwertige Einsteiger-Soprane mit etwas renaissanciger Optik, großen Löchern und bunt lackiert mit Goldring daher kommen. Bald entstand in dieser Bauart das gesamte Quartett – auch im professionellen Bereich geschätzt und irgendwie deutlich auf dem Weg zur Eagle.

Eagle Recorder – frei wie ein Adler…

Vielleicht ihre faszinierendste Idee: Die Eagle Flute. Der Anblick eines Weißkopfadlers hatte sie auf diesen Namen gebracht. Große starke Flöten in neuem Format, mit warmem, vollen Klang, reichlich Tonumfang nach oben und unten, und stark genug, gemeinsam mit Orchestern oder einer Band zu musizieren. Lassen wir sie selbst zu Wort kommen, anmoderiert von Sarah Jeffery:

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Video-Link: https://youtu.be/xFQ-KubcmGI


Blockflötist*innen können nun ihr Repertoire erweitern und viel Neues probieren, wie z.B. Ralf Bienioschek auf allen Sorten Eagles mit Wellermann (oder seinen anderen Projekten wie Bad Guy, Bohemian Rapsody, oder…) oder Michala Petri mit einem modernen Werk für Flöte und Orchester.
Adriana bewarb die Eagle mit einem herrlichen Foto, was jeder in der Szene kennt: Sie selbst glücklich lächelnd – ein Weißkopfadler auf ihrer linken Hand – die Eagle classic in der rechten.

Atemtyp Mond oder Sonne

Sie experimentierte für die Eagles auch mit den verschiedenen Bläsertypen – konstruierte verschiedene Windkanäle je nach Atemtyp Sonne oder Mond (ich bin Mond, wie sie sofort sah und hörte).
Nach der „Eagle Classic Alt“ – mittlerweile auch als Sopran zu haben – folgten Renaissance-Eagles.
Eagles haben inzwischen einen großen Teil der Blockflöten-Musikwelt erobert und ihre Entwicklung war noch lange nicht beendet.

…und die Eagle fliegt weiter…

Über Jahre arbeitete Adriana auch für die Eagle mit Kollegen und Flötenfirmen zusammen.
Einige Zeit baute sie die Eagle classic (vorallem die Klappen) gemeinsam mit Geri Bollinger, dann auch mit der Fa. Küng (die in dieser Zeit entstandenen Instrumente heißen E3 und erhielten das Voicing nicht von ihr selbst). – In letzter Zeit arbeitete sie an neuen Projekten mit der Fa. Kunath.
Nun hat diese immer strahlende innovative Künstlerin unsere Welt verlassen. Betroffenheit, Traurigkeit rundum.
Ein Lichtblick: Ihre Arbeit wird, wie ich hörte, in ihrem Sinne von Fa. Kunath weitergeführt und liegt damit in bewährten Händen und Köpfen. Dafür kann man nur viel Erfolg wünschen!

Foto Anne Pape
Zwei Altblockflöten und mehrere Sopranblockflöten.

Neue Klangwelten auf der Adlerflöte (Eagle Recorder)

Frühjahr 2020, Blockflötenparadies der Kunaths (Fulda)

Webinar mit Adriana Breukink, Entwicklerin der Eagle Recorders („Adlerflöten“).
Da ich seit kurzem eine besitze, interessiert mich das. Die Flöte wurde in Zusammenarbeit mit Adriana von der Firma Küng gebaut. Da Adriana diese Zusammenarbeit mittlerweile beendet hat, heißen ihre dort gebauten Flöten nun „E3“.
Sie bestechen mit vollem, warmen und kräftigem Samtklang!

Wir erfuhren, wie sie seit ca 2007 mit der Entwicklung ihrer sehr besonderen Flöte experimentierte (ein bissel verwandt mit ihrer „Adris Traumflöte“, die bei Mollenhauer gebaut wird). Innerhalb der nächsten Jahre entwickelte sie stufenweise daraus dieses erfolgreiche Blasinstrument mit vollem, sehr starken Klang und einigen Tönen mehr als gewöhnlich. Sie ist dicker, lauter, schwerer – anders. Und es gibt sie angepasst für lunare und solare Menschen (Terlusollogie).

Adriana berichtete, dass der Anblick von fliegenden Adlern (Eagles) mit weißem Kopf sie zu der Design Idee und dem Namen ihrer neuen Instrumente inspirierte. Die hatten dann anfangs auch ein oben weißes Kopfteil.
Fast alle Teilnehmer*Innen haben ihre Eagle dabei – und testen engagiert und neugierig neben ihren abgeschalteten Mikros. Frank Overschelp lässt uns reihum vorführen, wie weit unsere Kompetenz schon reicht und gibt Tipps.
Ja – es braucht die Kraft des ganzen Körpers, was wir Blockflötist*Innen nicht gewohnt sind (besonders die „Classic“).
Und fast noch wichtiger: Die neuen hohen Töne fordern neue Griffe – und man muss erstmal üben, alle Töne mit dem neuen tiefen E zu verbinden, für das man nun auch noch erstmals den linken Kleinfinger aus dem Dauerurlaub holen muss….
Tröstlich, dass es allen gleich schwer fällt, es braucht engagiertes Einstudieren.
Aber der Klang – das ist schon was!

vier MusikerInnen mit Blockflöten

Blockflöten barrierefrei

ENSEMBLE STARTUP – Auftritt im Stadtmuseum.

Erlangen, Mo, 20.01.2020, Stadtmuseum. Wie gut passte es, dass die Musik zur imposanten Veranstaltung (siehe Text unter dem Bild) ausgerechnet vom Ensemble Startup gespielt wurde. Mit großer Selbstverständlichkeit sind unter den Schüler*Innen des MusiCeums auch einige mit Handicaps. Sie spielen auf unterschiedlichen Instrumenten einzeln oder in den Ensembles, ohne dass es einer besonderen Betonung bedarf.
Besondere Aufmerksamkeit bekamen dagegen auch heute wieder die Paetzoldflöten. Was wäre die Blockflötenwelt ohne diese herrlichen Vierkantbässe?

vier MusikerInnen mit Blockflöten

Die sehr gelungene Ausstellung „BarriereSprung“ im Erlanger Stadtmuseum erlebte viele Höhepunkte. Einer der aktuellsten davon ist die heutige Verleihung des Signets „Bayern barrierefrei“ durch Herrn Oberbürgermeister Dr. Janik und den bayerischen Behindertenbeauftragten Holger Kiesel, München. Beeindruckend die engagierten Vorträge der verschiedenen Mitarbeiter*Innen und einiger „Fachleute in eigener Sache“. Im Zuge der Ausstellung haben alle Beteiligten täglich immer wieder von einander gelernt, wie man hörte, und sind stolz auf neu erworbene Kompetenzen.
Wie schön für uns, diese Veranstaltung noch mit musikalischem Glitzer verzieren zu dürfen!



Das Trio für den Plöner Musiktag (Paul Hindemith 1932)

Taschenpartitur Deckblatt und Ausschnitt Hindemith Trio

Taschenpartitur alte Ausgabe 1952

Welch tolle Musik! Nett, dass in dieser Wandervogel – Zeit mal jemand jenseits von „Liedchen“ an uns dachte 😉 und uns ein anspruchsvolles, nahezu 10-minütiges Stücklein widmete! Die Proben an diesem Stück machen uns so viel Spaß, dass ich darüber berichten muss. Fotos kommen noch nach…
Hindemith komponierte 1932 den „Plöner Musiktag“ als großes mehrteiliges Werk für Chor und Orchester. Das deutlich gegliederte Gesamtwerk sollte über den Tag verteilt an verschiedenen Orten in der Stadt erklingen, unser Trio befindet sich quasi als Edelsteinchen inmitten der „Abendmusik“. Uraufgeführt wurde es von Hindemith selbst, der die erste Stimme spielte, mit seinen Kollegen Harald Genzmer und Oscar Sala, bekannt u.a. durch Musik zu Hitchcocks „Die Vögel“, (interessanter Link mit Klangbeispielen vom Trautonium).
Hindemith wünschte sich das Stück gespielt von A- und D- Flöten. Diese Stimmung war neben anderen in Deutschland so lange weit verbreitet, bis die politische Führung 1937 die Vereinheitlichung auf C- und F- Instrumente vorschrieb. (vgl. mein Artikel hier im Blog).

Erste Proben: In dieser C – F Stimmung, für die das Stück höher transponiert wurde, begannen wir auch unsere Proben mit der Notenausgabe von 1952. Um nun mit S/A/A klanglich größere Möglichkeiten für die geforderte Dynamik zu haben, ersetzten wir probeweise die oben eher piepsigen (sorry), aber im unteren Bereich etwas schwachen Barockflöten durch einen Ganassi Sopran (super gelungen gebaut 2018 von Doris Kulossa-Delfino!) und zwei „Adlerflöten“. Übrigens: eine davon eine „Eagle Recorder“ von Adriana Breukink, die zweite fast gleiche nun bereits eine „E3“, vertrieben über Küng. Und wer weiß, wie oft sie ihren Namen und ihre bauliche und vertriebliche Heimat noch wechseln wird. Mit diesen Flöten klingt das Trio voll, rund, warm – und gefiel uns!
Wegen der häufigen enharmonischen Verwechslungen ist das Einstudieren speziell der ersten Stimme etwas mühsam – aber es lohnt sich! 

Neue Ausgaben des Trios von 2008 und 2013 (Schott)
Prof. Peter Thalheimer, Spezialist für Flöten und Forschungen in ihrem Umfeld, recherchierte  vor langer Zeit über dieses Trio. Ein Artikel darüber erschien bereits in der Tibia 4/1995 (Moeck), Link dorthin  s.u. Ich erfuhr, dass in der verbreiteten alten Notenausgabe von 1952 außer Besetzung und Tonart auch die zahlreichen Vortragsanweisungen durch den Herausgeber stillschweigend geändert worden waren. Insbesondere wurden Hindemiths lange Spannungs(?) – Bindebögen durch Portato-Striche ersetzt, die ihm für Blockflöten überzeugender vorkamen. Diese Unterschiede ergeben aber einen völlig anderen Musikcharakter!
Nun sind derart viele lange Bögen für Blockflötisten tatsächlich eher ungebräuchlich. Thalheimer suchte nach Indizien dafür, wie wir uns  Hindemiths eigene Gestaltung vorzustellen haben und kam zu erstaunlichen Resultaten, zu lesen hier.
Seit der Ausgabe von 2008 (Schott) entsprechen nun alle Eintragungen der Hindemith-Gesamtausgabe nach seinem Autograph. Die höhere Stimmung und Besetzung blieb aber noch erhalten. Da war es nur konsequent, dass Thalheimer dies in seiner Neuausgabe von 2013 auch noch änderte.
Das Trio wird nun transponiert und auf F / G – Alt und 2 C – Tenorflöten gespielt,
eine Quarte tiefer – und damit dichter am Originalklang.  Natürlich nehmen wir gern Renaissanceflöten – oder vielleicht doch oben die Eagle, mal sehen. Wir sind noch nicht an allen Stellen entschlossen, wie sehr wir die Bindungen als solche spielen oder als Phrasierungsbögen betrachten werden. Auch die Dynamik ist eine Herausforderung. Und natürlich spielen wir den langsamen Satz in der Mitte statt am Schluss, wie bereits Hindemith selbst empfahl.
Und: Tolle Musik! 

Blockflötenmäuse…

Wie spannend – es gibt ein ganz neues Format von Blockflötenschulen für die Jüngsten:
„Mini – die Blockflötenmaus“ – erdacht von der Berliner Flötistin Julia Krenz:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=xDxq0PaGAyY

Neu ist die Kombination eines Notenbuchs mit Online-Videos zu fast jedem Lied, die zum Auf-der-Stelle-Mitüben einladen. Mittlerweile gibt es zwei Bände und einen dritten in Vorbereitung. Ergänzend dazu ein wirklich allererstes Weihnachtsheft, ein Liederheft und ein erstes Konzertrepertoire für die bereits etwas fortgeschritteneren.
Die eingespielten Flötenlieder sind richtig gut anzuhören, und die Hinweise zur Flöten-Spieltechnik sind wirklich gut erklärt. Es gibt in den Heften und den Videos viele gute Ideen, bis hin zum „Fingertrick“.  Zu einigen Liedern gibt es eine eingelegte Klavierstimme. Mir gefallen die frischen Farben und die Notengrafik, ich empfinde sie auf eine moderne Art kindgerecht. Die Maus macht das wirklich sehr geschickt!
Alle Spiele und Übungsvorlagen des Hefts gibt es zusätzlich zum Download hier (klicken).

Ob das alles bei den Kindern gut ankommt? Ob die Kombi klappt? Ich werde es probieren und bin schon sehr gespannt darauf.
Erste Erkenntnis von heute:
Auch Jungen mögen kleine Mäuse 🙂

 

Gerd Melchers – Blockflötenbaumeister, ein später Nachruf

Ein M in Sonnenstarhlen, Logo des Flötenbaumeisters Gerd Melcher

Logo Melchers: Das M in Sonnenstrahlen

Es muss so Ende der 80ger gewesen sein, als die erste Blockflöte aus der Essener Werkstatt von Gerd Melchers meinen Weg kreuzte. Ich war sofort Feuer und Flamme und hatte das sichere Gefühl: So, und  n u r  so muss  meine  Blockflöte klingen! Obwohl für mich damals sehr teuer (über 2000 DM) – wurde sie schnell meine: eine dunkel und edel klingende Stanesby Alt in 415hz, die ich dann „Rosinante“ taufte.
Sie sollte nicht lange allein bleiben: Für unsere Konzertwünsche baute Melchers „rasch mal“ und zum ersten Mal in seinem Leben eine Voiceflute in D, in 415hz (die dunkle im Foto), damals noch mit zwei Köpfen zum auswählen, da er selbst unsicher war. Eine Ganassisopran mit zwei Mittelstücken folgte (genauer sogar drei – eins zur Korrektur der etwas zu tief geratenen Stimmung) – bis heute eins meiner warm und weich klingenden Lieblingsinstrumente!
Im Frühjahr 1991 wurde  auch die barocke Sopran in 415 fertig, jammerschade, dass ich sie heute kaum noch einsetzen kann.

Bestens gelaunter Flötenbauer mit gefülltem Koffer 

Vier auseinander gebaute Blockflöten von Gerd Melchers

Sopran Terton 415, Voiceflute D 415, Alt Stanesby 415, Ganassi 440 / 415

Recht bald hatte ich auch Schüler/innen mit meiner Begeisterung über den schönen Klang von Melchers Instrumenten angesteckt. Ich traute mich, Gerd Melchers ganz privat nach Erlangen einzuladen, um im kleinen Kreis seine Instrumente vorzustellen. Auf große Ausstellungen wollte er dagegen nie mehr fahren, weil er nicht ertrug, wie zig Leute lieblos mit seinen Instrumenten spielten, wie er fand.
Aber zu uns kam er! Wie es schien, hatte er ein viel größeres Interesse daran, auf seinen nagelneuen Renaissanceflöten mit uns den ganzen Abend Consort zu spielen, als unbedingt ins Geschäft zu kommen. Er war sehr interessiert an Feedback zu Klang und Ansprache, war ständig an Weiterentwicklung seiner Technik interessiert. Sorge um eine Überanstrengung der werkbankfrischen Flöten hatte er überhaupt nicht. Melchers erzählte uns ganz nebenbei, dass er (alle?) Instrumente für den Blockflötisten Hufeisen nach dessen Wünschen baue.
Es wurde ein unvergesslicher Tag mit einem bestens gelaunten Flötenbauer. Wir spielten bis in die Nacht. Um uns schwebte der Duft nach Leinöl mit etwas Rosmarin, daran kann ich mich noch gut erinnern. Bei mir blieb eine alltagstaugliche Alt nach Anciuti in 440 hz mit Doppelloch „hängen“ 🙂 nicht im Foto.
Bald kam irgendwie Unruhe in sein Leben, er erzählte vom bevorstehenden Umzug an den Bodensee, Ausbau eines Bauernhofs, geplanter Hochzeit, völlig neuer geänderter Flötenbauweise („Schmeißen Sie die alten weg, ich repariere die auch nicht mehr, ich tausche sie gegen neue“) – und manchmal fand ich alles ein bissel „too much“, ohne es genauer begründen zu können. Und auf einmal war Gerd Melchers nirgends mehr erreichbar. Für mich ein Loch, was mir gar nicht geheuer war. In Fachkreisen wurden die unterschiedlichsten Dinge gemunkelt. Nichts genaues.
Als einziges Dokument hatte ich nur seine Preisliste – kein Foto, nichts im Internet.

Verschnörkeltes M auf Rot „Gerd Melchers ist ca. 2009 gestorben. Von seiner Krankheit hat er sich nie erholt.“ Diesen Vermerk fand ich vor einigen Tagen auf der Seite des Blockflötenmuseums. Alt kann er da nicht gewesen sein. Machte mich traurig.
Mit diesem kleinen Artikel möchte ich die Erinnerung an jemanden wach halten, der das verdient hat – und Gerd Melchers danke dafür sagen, dass er so engagiert für diese Klänge gelebt und gearbeitet hat. Sie haben meine Klangvorstellung in den 90gern sicher geprägt und mich darin unterstützt, andere vom Klang einer Blockflöte zu begeistern.
Übrigens: Natürlich spiele ich ebenso gern auf den tollen Blockflöten, die  h e u t e  gebaut werden, ist doch klar!

Gerd Melchers Preisliste Blockflöten 1993

Melchers Preisliste 1993/94, Ausschnitt, das einzige mir erhaltene Dokument.

 

Lieblingshefte 4: Weihnachten 2017

Wenn es draußen schneit und stürmt, bleibe ich doch lieber im warmen Büro und berichte über sechs besonders schöne Weihnachtsnotenhefte.

Weihnachtslieder für Sopranflöte, rotes Buch mit Engeln, B. Ertl

Bestens bewährt: VHR 3624

1) „Das Rote“: Weihnachtslieder für die erste Flötenweihnacht
Seit es auf dem Markt ist, bewährt das Heft sich jedes Jahr wieder, da es die Flöteneinsteiger*innen da abholt, wo sie gerade stehen. Die ersten Lieder im Heft, oft von der Autorin Barbara Ertl selbst erdacht, brauchen nur 4 Töne. Weiter hinten dann findet man schon die ersten richtig bekannten Weihnachtslieder. Auch die sind sorgfältig ausgewählt, groß gedruckt und in einer Tonart gesetzt, die die gerade erst erworbenen Kompetenzen berücksichtigt. So brauchen kleine Hände in den meisten Liedern noch kein F, kein tiefes C und keine überblasenen Töne. Einige Lieder haben aber sogar eine zweite Stimme.
Bei aller Einfachheit ist das ein Weihnachtsheft, das man sich gern aufhebt. Übrigens auch mit Play along CD erhältlich.

 

Weihnachtsliederbuch für Blockflötenquartett, grün

Gelungen: BÄ 6273

2) „Das Grüne“ für weihnachtliche Quartette SATB, 
jedes Jahr wieder findet sich dort etwas passendes drin. Sehr kurze barocke Sätzlein aus berühmten Werken von Händel, Purcell, Rathgeber und Scheidt. Diese Miniaturen klingen auf Blockflöten alle sehr süß, mal wie ein Hirtenmarsch, mal wie die Englein an der Krippe. Gerade durch die Kürze sind sie auch in weniger Zeit gut einzustudieren.
Das Heft ist zwar nicht teuer (unter 10 €), aber es wäre doch schön, wenn Stimmen drin lägen und man gleich loslegen könnte!

Rotes Notenbuch mit barockem Musiktitel

Variationen über die Melodie des französischen Lieds „Ah! Que vous dirai-je Maman!“ von M. Corrette,
 (1709-95), für zwei Melodieinstrumente und B.c.  Enthalten im Buch links. Hier zum Anhören, gespielt von der Capella Savaria auf historischen Blasinstrumenten
Über diese Melodie (mit einem romantisch verschwurbelten Originaltext, hier klicken) haben unglaublich viele Komponisten Musik geschrieben. Herr Mozart wird oft irrtümlich als der Komponist genannt, komponierte aber darüber lediglich 12 Variationen für Klavier. Auch Liszt, J.C.F. Bach und C. Saint-Saens verarbeiteten diese Vorlage. Mit dem Text von Jane Taylor wurde es um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. auch zum englischen Lied über einen Stern am Himmel: „Twinkle twinkle little Star!“
In Deutschland wurde die Melodie zum berühmten Weihnachtslied „Morgen kommt der Weihnachtsmann“.  Drei Variationen im Heft sind für zwei versierte Altflöter mit B.c. das gefundene Fressen, am virtuosesten sind die Folia – Variationen von Vivaldi. Eine der vier Nummern (Purcell) ist für S/A).  Auf dem Titelblatt stehen ungenaue Besetzungs-Angaben, es sind ja keine Duette.  EMB Z.141373)

Zwei Weihnachtsnotenhefte für Sopran- und Altflöten, B. Ertl

VHR 3646 u. VHR 3747

4) Flötenweihnacht (S) – wenn man dann schon fortgeschrittener ist.
Barbara Ertl hat hier eine besonders gelungene Liedermischung zusammengestellt: Altes, volkstümliches, aber auch das Lied von Rudolph, dem Rentier. Kirchlich betontes wie Maria durch ein Dornwald ging – aber auch der Kleine Drummerboy. Ich finde, alle wichtigen schönen Lieder stehen drin, noch wenige Vorzeichen werden benötigt und zum Glück auch keine allzu hohen Töne 😉
5) Altflötenweihnacht – nicht nur ein „Abklatsch“. In diesem schönen Heft (ich finde die Hefte mit ihren Illustrationen von Wolfgang Steinmeyer auch optisch sehr gut gelungen!) sind nochmals neue Lieder dazu gekommen. Da zeigt sich Barbara Ertls Praxiserfahrung: jedes Kind freut sich, wenn es nun dieses Jahr auf der Altflöte nicht nur das gleiche spielen muss, wie letztes Jahr auf der Sopranflöte. Und damit man den Lieblingsliedern nicht nachtrauern muss, sind die auch wieder mit drin. Sehr gut gemacht! Auch dieses Heft kann man mit Play along CD bestellen, wenn man will.

blaues Notenbuch mit weißen Ziernoten, Quartette zu Weihnachten

6) Last but not least: Weihnachtslieder im Quartett SATB, schön gesetzt, relativ unkompliziert zu spielen – genau das, was ein Ensemble in diesen Wochen als Basis braucht. Mal wieder hat Johannes Bornmann die passende Lösung im Angebot und weiß, was gut klingt. Und: Es sind gleich vier Stimmen mit im Heft. Super! Sollte man also haben: MVB 53

 

Ich wünsche allen Flötenliebhaber*innen gemütliche adventliche Musikstunden mit diesen und den vielen, vielen anderen tollen Notenbüchern!

 

 

Lieblingshefte 3: Französische Vögel

Zwei Notenhefte Vogelstücke für Blockflöten im grünen Gras  Vögel können so schön singen – und wir Menschen tun es ihnen nach.

Zu allen Zeiten wurden unzählige „Vogelstücke“ komponiert, oft ganz schön virtuos, denn die kleinen gefiederten Sänger haben es ja schließlich drauf! Aus der Feder Francois Couperins (1668-1733) stammt  die Sammlung „Pieces de Clavicin,  Livre III“ mit vier Vogelstücken.
Der berühmte Carl Frederic Dolmetsch (1911-1997) hat  drei dieser Stücke für Blockflöten bearbeitet – sicherlich, weil Flöten den Vögeln doch viel ähnlicher klingen als Tasten. Diesem engagierten Flötisten, Blockflötenbauer und Pionier der damals schon so genannten „historischen Aufführungspraxis“ verdankt unsere Flötenszene viel.

Am besten gefällt mir Dolmetschs Flötenfassung dieser beiden Nummern:
1. Le Rossignol en Amour  – Die verliebte Nachtigall. UE 12563
Hat eine weiche, ohrwurmverdächtige Melodie, die sich gut mit Sopran oder Sopranino spielen lässt. Es macht Spaß, sie mit zig Verzierungen je nach Tagesform zu gestalten. Hier eine der vielen schönen Aufnahmen.

2. Les Fauvétes Plaintives – Die klagenden Grasmücken. UE12554
Besonders die Mönchsgrasmücke (kein Insekt, sondern ein Singvogel!) bezirzt mit edlem, flötig klarem Gesang. Ihr Lied diente vielleicht als Vorlage für Couperins Komposition?
Dolmetsch hat es erfreulicherweise für Trio AAT arrangiert – und ich mag es schon ewig. Alle drei Stimmen dürfen sich trillermäßig ins Zeug legen und dabei versuchen, traurig zu klingen. Leider fand ich keine Aufnahme auf youtube – aber vielleicht schaffen wir bald eine… Besonders fein kommt es mit 2 Altlöten in 415 daher, mit einer Voiceflute in der 3. Stimme. Die erste Stimme (wie Dolmetsch schreibt) eine Oktave höher mit Sopran/ino zu spielen, haben wir nicht probiert. Die drei Vögel singen ja auch in der Klavierfassung dicht beieinander.
Olivier Messiaen (1908 – 1992) widmete übrigens der eher aufgeregt plappernden Gartengrasmücke in „La Fauvette des Jardins“ (aus Catalogue des Oiseaux) Musik.
Und Rolf Liebermann (1910-1999) wird ein deutlich zwitscherndes Stück gleichen Titels zugeschrieben (1980) für Saxophon.

Hier ein kleiner Eindruck von Couperins Noten ( Nachtigall links, Grasmückentrio rechts) und dann: Viel Spaß beim Ausprobieren!

Flöten im Hof – Start des Ensembles Startup!

Heute der Bericht über ein ganz besonderes – wenn auch kleines – Konzert. Durch einen Mitspieler meines neuen Quartetts „Startupp“ entstand die Beziehung zu einem besonderen Wohnquartier: Hier wohnen viele Leute mit speziellen Anforderungen an ihre Umgebung. Dort haben wir uns gestern im Innenhof mit 10 kleinen Stücklein (aus den beiden Volksliederquartett – Heften vom Bornmann Verlag) den Hausbewohnern und ihren Gästen vorgestellt. Sie konnten aus den Fenstern gucken oder im Hof dabei sein. Es war für sämtliche Anwesende eine große Sache und riesige Freude. Am Schluss sangen wir ein Lied gemeinsam und mussten versprechen, spätestens im Advent wieder zu kommen. Machen wir unbedingt!
Im Anschluss schmeckte uns auch der Cocktail im benachbarten Restaurant.